Jeder Hausarzt sitzt täglich mindestens einem depressiven Mann gegenüber und merkt es nicht. Weil kaum einer direkt bekennt, dass die eigene Seele aus dem Lot geraten ist. Und „weil in weiten Teilen der Medizin und des öffentlichen Bewusstseins Männergesundheit noch nicht über die Urologie hinausgeht“, heißt es im „Männergesundheitsbericht 2013. Im Fokus: Psychische Gesundheit“. Folgt man dem Tenor einiger Autoren in der gerade vorgelegten Analyse der Berliner Stiftung Männergesundheit e.V., dann hat sich seit der Etablierung des ersten Weltkongresses für Männergesundheit 2001, seit der Gründung der International Society of Men’s Health (ISMH) – ebenfalls 2001, dem jährlichen Weltmännergesundheitstag, der ebenfalls jährlichen Internationalen Männergesundheitswoche, der Gründung von interdisziplinären Männergesundheitszentren etcpp. nichts geändert.
„Unsere Gesellschaft beginnt, sich über die Gesundheit des Mannes Gedanken zu machen. Das führte zu der Feststellung: In der Gesundheitsdiskussion waren die Männer bisher nicht ausreichend im Blick“, lesen wir konsequenterweise in einem der anderen 13 Kapitel, in denen die psychische Gesundheit des Mannes aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet und die Herausforderungen für Medizin und Gesellschaft entworfen werden.
Steile Thesen – ziemlich spät
Steile Thesen – ziemlich spät. „Welchem Arzt gehört der Mann?“ habe ich bereits zur Jahrtausendwende verschiedene Experten gefragt. Anlass war seinerzeit der erste zertifizierte Intensivkurs zum Thema Lebensqualität, Vitalität und Virilität des alternden Mannes am Hamburger Institut für Hormon- und Fortpflanzungsforschung. Dessen Gründer und damaliger Direktor, Prof. Dr. Helmut Leidenberger, hatte entgegnet: „Männer gehören dem Arzt, der gut und breit ausgebildet ist und dies belegen kann.“ Seinerzeit verstand jeder Arzt etwas anderes unter einem interdisziplinär tätigen, ganzheitlich denkenden „Männerarzt“. Ob entsprechende Aus- und Weiterbildungswege zwingend erforderlich waren, wurde zwischen Urologen, Endokrinologen, Andrologen, Internisten und selbst Gynäkologen ebenso intensiv wie kontrovers diskutiert.
Heute, 13 Jahre später, ist das Thema Männergesundheit im Kontext der Gendermedizin und der damit verbundenen gesellschaftspolitischen Wahrnehmung etabliert, möchte man meinen. Es gibt so etwas wie ein Gesundheitsbewusstsein wenigstens des gebildeten Mannes. Es gibt bundesweit mindestens 1.200 zertifizierte Männerärzte. Und es gibt Hausärzte, die wissen, dass Männer bei der Krankheitsbewältigung mit ihren archetypischen Persönlichkeitsstrukturen kollidieren und dass sich deshalb auch Depressionen im Verhalten, Erleben und in der körperlichen Vitalität anders darstellen als bei Frauen:
Im Vordergrund stehen verschiedene Beschwerden wie anhaltende Kopf-, Herz-, Magen- und Rückenschmerzen, Kraftlosigkeit, Schlafstörungen. Es gibt Männer, die wirken überaus aktiv, verfolgen nahezu exzessiv berufliche, kulturelle oder sportliche Interessen. Andere wirken nervös und angespannt, können plötzlich stark erregt sein oder Anfälle von panischer Angst bekommen. Wieder andere ziehen sich komplett zurück, neigen zu kompensatorischem Suchtverhalten als eine Art Selbstmedikation und zur Impulsivität mit Auto- und Fremdaggression.
Der unter Druck geratene Mann sollte mit den sich daraus entwickelnden Beschwerdebildern mehr denn je gut aufgehoben sein. Der Männergesundheitsbericht spiegelt indes eine andere Realität. „Während Männer ihre Gesundheit im Jahre 2010 besser einschätzen als noch 2003, gibt es viele Anhaltspunkte, den Gesundheitszustand der Männer in Deutschland kritisch zu hinterfragen“, schreibt Prof. Dr. Doris Bardehle, Koordinatorin des Stiftungsbeirats. „Wir können bei der Interpretation von Daten davon ausgehen, dass sich die physische wie psychische Gesundheit eher verschlechtert hat und sich für einen Großteil auch die sozioökonomische Situation ungünstig entwickelt.“
Im Morbiditätsvergleich ist demnach bei vielen Diagnosen ein Anstieg erkennbar, allen voran bei Hochdruck (2003: 26,6%; 2010: 31,6%), Diabetes (5,4% bzw. 8,5%), Adipositas (BMI = 30: 12,8% bzw. 16,1%). Nur die Raucherquote ist rückläufig und die Lipide stagnieren. Erkennbar ist, dass psychische Erkrankungen nicht abgefragt wurden. Maßstab ist deshalb ein statistischer Kernindikator für den seelischen Schmerz: der Suizid.
Suizide prägen den Verlauf der Mortalität besonders bei Männern
„Suizide prägen den Verlauf der Mortalität besonders bei Männern“, so Bardehle. Die Entwicklung der männlichen Suizidrate ist zwischen 2009 und 2011 um 9% gestiegen. Dreimal mehr Männer (7.600) als Frauen (2.500) wählten den Freitod, 100.000 Männer versuchen jährlich, sich das Leben zu nehmen. Altersspezifisch gibt es drei Anstiege: zwischen 15 und 24, zwischen 45 und 59 sowie im Rentenalter ab 70 Jahre.
Suiziden gehen meist langwierige Konfliktsituationen und Depressionen voran. Hinsichtlich ihrer Schwere zählt die unipolare bzw. Major Depression zu den am meisten unterschätzten Erkrankungen. Eine 2007 veröffentlichte Studie de WHO mit mehr als 245.000 Teilnehmern ist zu dem Schluss gelangt, dass eine Depression die Betroffenen mehr beeinträchtigt als Angina pectoris, Arthritis, Asthma oder Diabetes. Und sie zählt zu den Hauptursachen von Arbeitslosigkeit oder durch Behinderung „verlorenen Jahren“. Insgesamt hat sich der Anteil der psychischen Erkrankungen als Ursache für Arbeitsunfähigkeit seit 2000 nahezu verdoppelt, aktuell werden 12,5% aller betrieblichen Fehltage insbesondere durch Depressionen verursacht.
Die Megafaktoren für eine Depression heißen Vulnerabilität („Dünnhäutigkeit“) und Stress. Im Zusammenspiel mit biologischen und sozialen Mechanismen kommt es zu Dysbalancen, deren Auslöser zumeist äußere Ereignisse sind – Situationen, in denen sich Aufgaben, Inhalte, Ziele ändern und denen keine adäquaten Bewältigungsstrategien entgegensetzt werden können: Berufsstress, Arbeitslosigkeit, Familienkonflikte, Krisen nach Misserfolgen und Verlusten. Eine besondere Gefährdung liegt beim Scheitern des eigenen Selbstkonzepts und Verlust der Wertschätzung durch das Umfeld bzw. die Gesellschaft vor. Ein Teufelskreis, der zur Falle wird, wenn Männer schweigen, da dann der Suizidprävention naturgemäß enge Grenzen gesetzt sind.
Bankrotterklärung für den „Männerarzt“
Warum werden die bestehenden Gesundheitseinrichtungen von Männern nicht genutzt? Eine Antwort im „Männergesundheitsbericht 2013“: Weil sie deren Bedeutung nicht erkennen bzw. weil Angebote sie nicht erreichen. Handlungsbedarf bestehe folglich sowohl darin, interessante Maßnahmen für die Primär- und Sekundärprävention zu entwickeln als auch darin, Männer frühzeitig an Gesundheitsangebote zu gewöhnen. Ansonsten setzen sich die von Kindesbeinen an bestehenden Hemmnisse später fort. „Männergesundheit hat damit die Aufgabe, männliche Stärke neu zu definieren: Ein Mann ist stark, wenn er auch seine Schwäche, seine Begrenzungen und seine Niederlagen in das eigene Selbstverständnis integrieren kann“, so Dr. Matthias Stieler, Vorsitzender des Dresdner Instituts für Erwachsenenbildung und Gesundheitswissenschaft e. V. und einer der Herausgeber des Berichts.
Für den sich seit Jahren um die ganzheitliche Gesundheit des Mannes bemühenden Männerarzt muss sich zumindest das wie eine Bankrotterklärung lesen. Man mag es kaum glauben.
Der Text ist auch auf Medscape Deutschland erschienen.
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